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Texte

Rassismus, Kulturelle Aneignung, Antisemitismus

Kommentierte Bücherliste (Auswahl)

Struktureller Rassismus

Gilda Sahebi (2024): Wie wir uns Rassismus beibringen. Eine Analyse deutscher Debatten. Frankfurt/Main: Fischer. Die viel gelobte politische Journalistin verbindet eine historische Analyse mit der detaillierten Analyse aktueller Debatten, Redebeiträge und Internetdiskussionen - inbegriffen die Migrationsdiskussionen Anfang 2024 und die deutschen Reaktionen auf die palästinensischen Proteste gegen den Gazakrieg. Die tragende These: Rassismus ist so tief in den "Strukturen" der deutschen Gesellschaft verankert, das "es mal an der Zeit wäre, etwas Neues auszuprobieren" (S. 371). Welche neue Struktur das sein könnte, wird leider nicht explizit erörtert.

Sawsan Chebli (2023): Laut. Warum Hate Speech echte Gewalt ist und wie wir sie stoppen können. München: Goldmann. Die Autorin ist leidenschftliche Twitter-Dame und war in Berlin in diversen Positionen für Migrationsfragen zuständig. Ihre Berufung als “Staatsekretärin” wurde in den sozialen Medien stark kritisiert. Die Karriere dieser Frau ist erstaunlich, aber nicht widerspruchsfrei. Der Vorwurf, dass sie eine Alibi-Figur sei, ist nicht ganz unberechtigt. Die Auseinandersetzung mit Twitter-Hate Speech und ihrem Migrationshintergrund (Palästinenserin) sowie einem attraktiven Aussehen ist etwas durcheinander. Unangenehm ist auch, dass die Autorin immer noch Minderwertigkeits-Probleme hat und sich laufend selbst anpreisen muss. Bzgl. Twitter sagt sie: man darf Twitter nicht ignorieren, muss im Gegenteil unbedingt mitmachen, um das Böse, das dort dominiert, zurück zu drängen.

Tupoka Ogette (2022): Und jetzt Du. Rassismuskritisch leben. Penguin Verlag. Die Autorin ist eine in der DDR geborene Schwarze, die heute Rassismus-Kurse gibt und ein online-Imperium betreut. Mit Snow und vor allem Diangelo vergleichbar: bezieht ihr Wissen aus ihren Workshops und einigen persönlichen Erfahrungen. Unangenehmer Ton, besser-wisserisch und von oben herab. Die Ratschläge, was man jetzt tun soll, sind ziemlich dünn.

Susan Arndt (2021): Rassimus begreifen. München: beck. Monster Abhandlung, Ergebnis eines Forschungsprojekts Bayreuth. Autorin ist weitgehend mit der Rassismusdebatte einverstanden, sondiert diese aber sehr gut. 60% des Buches über den deutschen Kolonialismus. Zentral “Othering”. Antisemitismus gehört zu Rassismus. Ab S. 375 Alltagsrassismus: Othering, Mikroaggressionen, Stereotype Threats. Lange (teils sehr überraschende) Liste mit Unwörtern.

Mohamed Amjahid (2021): Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken. München: Piper. Beschreibung von alltäglichem Rassismus. Eine Besonderheit ist die Recherche zur “Flüchtlings-Pornografie” und ein Kapiutel über “Erinnerungsüberlegenheit”, das eigentlich in die Rubrik “Antisemitismus” gehört. Zum Schluss 50 ausführliche Ratschläge, wie man als Weißer sich anti-rassistisch positionieren kann. Ein gutes Glossar mit Begriffs-Definitionen.

Alice Hasters (2020 - 8. Auflage): Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. München: Hanser. Ursprünglich 2019.”Wer Rassismus ekämpfen will, muss bei sich selbst anfangen”. Nach meinem Geschmack ist sie “überempfindlich” und schlägt auf recht harmlosen Alltagsrassismus mit einer großen Keule meist aus der Kolonialgeschichte. Implizite These: alles Weißen heute sind für die komplette Kolonialgeschichte verantwortlich zu machen und müsste dieselbe irgendwie - durch schlechtes Gewissen? - wieder gut machen. - Der Titel des Buches zeigt den strategischen Ansatz der Autorin, vergleichbar mit Diangelo und Sow.

Robin Diangelo (2018): Wir müssen über Rassismus sprechen. Hoffmann und Campe. e-book. Autorin hat den Begriff „white fragility“ geprägt (in einem Artikel 2011). Berichtet über Erfahrungen in Antirassiusmus-Workshops in USA. Publikation gilt als Anfang der „neuen“ Rassismus-Debatte.

Noah Sow (2018 - 2. Auflage): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus. Books an Demand, Norderstadt (eine Art Eigenverlag von Noah Sow). Die Autorin arbeitet als Teamerin und Coach, Rassismusthematrik nur manchmal. Das Buch ist extrem und spricht ständig den unmüdigen Leser an. Jeder kritische Leserreaktion wird vorweggenommen und als Beweis ihrer Thesen verwendet.  Viele Beispiele für alltäglichen Rassismus. - Ich habe die e-book-Version, auf der steht „10 Jahre- Neuauflage“.

Rassismuskritik relativiert oder kritisiert

Esther Bockwyt (2023) woke. Psychologie eines Kulturkampfes. Westend-Verlag. Die Autorin spricht von einem "Woken Anti-Rassismus" und analysiert diesen "psychodynamisch". Die These ist also: "Anti-Rassismus" ist eine Modeerscheinung mit einer Reihe von "Totschlagargumenten". Dass es in USA und Deutschland alltäglichen Rassismus und Diskriminierung gibt, sei eine Verschwörungstheorie und durch nichts belegbar. Das Buch ist oft "populistisch", kann als Afd-nahe oder auch als Reklame für die Wagenknechtpartei gelesen werden.

Alice Hasters (2023): Identitätskreise. München: HanserBlau. Gewissermaßen das Gegenstück zu Bockwyt: das Buch wendet sich gegegn die Meinung, die feministische, antirassistsiche, queere und ökologischen Kämpfe der letzten Jahre unter dem Begriff "linke Identitätspolitik" zu nichst Geringerem als dem neuen Faschismus zu erklären...

Susanne Schröter (2022): Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass. Freiburg: Herder. Drei Kapitel (S. 79-148) beschäftigen sich mit dem “ideologischen Dschungel” des Postkolonialismus, den “Kulturkrieger” der Cancel Culture und den “Fallstricken” der Migrationspolitik. Positiv an dieser polemischen und empathielosen Abhandlung ist, dass die Autorin die Erscheinungen der aktuellen Rassismus-Diskussion historisch einordnet und dabei viele scharfe Beobachtungen macht, die nachdenklich stimmen. Ihr Credo ist: der Westen solle stolz auf seine Demokratie sein und sich nicht selbst zerfleischen.

Florence Brokowski-Shekete (2022): Raus aus den Schubladen! Mein Gespräch mit Schwarzen Deutschen. Berlin: Orlanda. Die Autorin ist Schulamtsdirektorin und kann über Reaktionen von Eltern berichten, wenn sie eine Schwarze hinter dem Schreibtisch sehen. Interviewt werden lauter erfolgreiche Schwarze. Alle können natürlich auch von Diskriminierung etc. berichten, aber auch von vielen “guten Menschen” und Erfolgen.

Umes Arunagirinathan (2022): Grundfarbe Deutsch. Warum ich dahin gehe, wo Rassisten sind. Hamburg: rowohlt. Weitgehend biographisch, ein Flüchtling, der es geschafft hat. Seine Strategie gegen Rassimus: mit Rassisten reden! Viele Beispiele von alltäglichem Rassismus, denne er aber aktiv entgegen getreten ist.

Helen Pluckrose und James Lindsay (2022): Zynische Theorien. Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt - und warum das niemandem nützt. Beck: München. - Gute Darstellung des Postmodernismus und der postkolonialen Theorien. Hintergründe werden ausführlich aufgezeigt. Die Kritik ist manchmal polemisch und weniger fundiert als die Darstellung der Theorien selbst.

Mithu San Yal (2021): Identitti. München: Hanser. Scharfe Analyse universitärer Strukturen rund um den Identitäts-Hype. Form eines Romans, aber sehr kenntnisreich. Im Zentrum die Kritik der These, dass „PoC“ eine Konstruktion ist, weil die als PoC verherte Dozentin in Bochum als angemalte Weiße enttarnt wird und sich dennoch argumentativ durchsetzt.

Caroline Fourest (2020): Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Belrin: Timata. Französische Autorin kritisiert die Auswüpchse an US- und Französischen Unis, viele Beispiele von Cancel Culture. Engagierte Kritikern: “Inquisition”, “Die Universität der Angst”...

Canan  Topçu (2021): Nicht mein Antirassismus. Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten. Eine Ermutigung. Köln: Quadriga. ... was der Titel sagt. Autorin ist Deutschtürkin und Journalistin und Dozentin.

Juden, Holocaust, Antisemitismus

Meron Mendel (2023): Über Israel. Eine deutsche Debatte. Kiepenrheuer & Witsch. Der Autor ist ein aus Israel “abgehauener” Linker, der bei der “documenta 15” als Gutachter eine Rolle gespielt hat. Er leitet die Anne Frank Bildungsstätte in Frankfurt. Er eckt bisweilen mit der Jüdischen Gemeinde an. Den Anti-Semitismus-Beauftragten Klein mag er auch nicht. Aber ansonsten ist seine Hauptthese, dass “Israel” ein Typisch deutsches Problem ist. Er analysiert auch ganz realistisch den Umgang der deutschen Linken mit “den Juden”. Er ist gegen den BDS-Beschluss des Bundestages.

Deborah Feldmann (2023): Judenfetisch. München: Luchterhand. Ein sehr erfrischendes Buch einer Amerikanerin, die seit 10 Jahren in Berlin lebt und versuchte, "einfach Mensch" zu sein, aber in die "Judenrolle" gedrängt wurde. Nach dem 7. Oktober 2023 ein viel gefragter Gast in deutschen talk-shows.

Micha Brumlik (²2022): Postkolonialer Antisemitismus. Geht auf BDS, Mbembe “und andere Aufreger” ein. Sehr theoretisch, manchmal fast zu kompliziert. Kritisiert die Anti-BS-Stimmung, den McCarthynismus und die Kritik an Mbembe. Kritisiert aber auch die Palästinenser. Leider ist die Auseinandersetzung miut Antisemitismus und “was ist ein Jude?” etwas zu kurz.

Levi Israel Ufferfilge (2021): Nicht ohne meine Kippa! Mein Alltag in Deutschland zwischen Klischees und Antisemitismus. Klett-Cotta. Eine sehr eindrucksvolle und mitunter schockierende Sammlung von "alltäglichem Antisemitismus", der einem Juden, der demonstrativ Kippa in der Öffentlichkeit trägt, entgegegn schlägt. Jüdischkeit wird hier ausschließlich über die Religion definiert. Allerdings ist der alltägliche Antisemitismus durchaus auch als eine Art "Definition" von Jüdischkeit anzusehen. (Das heißt: nicht nur die Juden selbst definieren sich als Juden sondern auch dier Außenwelt definiert sie als Juden - vorausgesetzt, sie geben sich mit Kippa zu erkennen.) Der Autor ist Lehrer für jüdische Religion.

Floris Biskamp (2020): Ich sehe was, was Du nichts siehst. Antissemitismuskritik und Rassismuskritik im Sreit um Israel. In Peripherie Nr. 159, 40. Jg. 2020, S. 426-440. (online erhältlich)

Max Czollek (2020): Versöhnungstheater. München: Hanser. Kritische Auseinandersetzung mit der deutschen “Vergangenheitsbewältigung”, die er als “Theater” bezeichnet und kritisiert. - Setzt die Argumente von “Desintegrierte Euch!” (2018) fort. - Neu 2023 “Gegenwartsbewältigung”. München: Hanser.

David Baddiel (2021): Und die Juden. (Englischer Titel „Jews Don’t Count““ wurde von der Redaktion abgelehnt.) München: Hanser. Der Autor weiß immer ganz genau, wer Jude ist. Aber er akzeptiert weder Israel oder Religion als Kriterium. Er wundert sich, dass in der Antirassismusdebatte die Diskriminierung der Juden (Antisemitismus) oft nicht „zählt“. Er möchte mit bdabei sien, ahc wenn viele Juden „weiß“, „mächtig“ und „reich“ seien.

Ulrich Schmidt-Denter (ca. 2018): Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse einer europäischen Identitätssuche. Graues Material zu einerm 10jährigen Europa-Projekt. Identifikation deutscher Migrant*innen mit ihrer Heimat (Deutschland) geringer als in anderen europäischen Ländern. - Für mich wichtig: Kritik der Holocaust Education, auch in einem extra Artikel:

Ulrich Schmidt-Denter (2017): Auswirkungen der „Holocaust Education“ auf die Identitätsentwicklung Jugendlicher mit und ohne Migrationshintergrund. Grau im Internet: https://schmidt-denter.de/forschung/identitaet/pdf-files/auswirkungen_holocaust_education.pdf . Aus Psychologie-Unterricht (2017), Heft 50, S. 7 – 10.

Kulturelle Aneignung, Identitäten

Norbert Schläbitz (2022): Die Turing Galaxis. Osnabrück: e-pos. Das 874 starke Buch enthält ein umfangreiches Kapitel zur Kulturellen Aneignung (S. 573-615), die als eine (positive) Konsequenz der Globalisierung (“Vernetzung”) dargestellt wird. Der Autor wirft der woken Bewegung vor, den Dialog durch einen moralischen Monolog zu ersetzen. Sein Keulenschlag gegen die Woken lautet: “Der Moralismus beklagt die Dominanzkultur, zu der man sich unterlegen wähnt, anstatt im Eigenen selbstbewusst das Besondere zu sehen, das zur Gleichstellung schreitet.“ Der technologischen Globalisierung darf und kann man sich nicht widersetzen: „Die Botschaft des Mediums Internets lautet: ›Vernetze mich‹. Zum Moralismus, der Konflikte schürt, gibt es eine Alternative, die da heist: diskursive Performanz“. Dass die „Vernetzung“ eine moderne Art der Herrschaft und keine „neutrale“ Technologie ist, spielt keine Rolle.

Hamed Abdel-Samad (2021): Schlacht der Identitäten. München: dtv. “Wir brauchen eine offene Debatte über Rassismus, kein Tribunal”, “die empathische Gesellschaft - eine Utopie?” Autor ist Prof für Islamwissenschaften u.a.

Sahra Wagenknecht (2021): Die Selbstgerechten. Frankfurt: Campus. Prägt den Begriff “Lifestyle-Linke”, S. 98-116 werden die meisten Positionen des Identitäts-Diskurses auseinander genommen und als “elitär” entlarvt: wo bleibt das “weiße” Prekariat?

Lars Distelhorst (2021): Kulturelle Aneignung. Hamburg: Nautilius. Durchweg sehr gut! Empathischer, aber kritischer Bericht.  Vgl. meinen Briefwechsel.

Jan Feddersen und Philipp Gessler (2021): Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Berlin: Aufbauverlag. Ziemlich unsensible Pauschalkritik an Intentitäspraxis. Alle relevanten Beispiele von Übertreibungen werden genüsslich auseinander gelegt. Dennoch eine breite Einführung in die Denke der ganzen Debatte. Gessler ist ein erfolgreicher “Alternativ-Blogger” bzw. “Influencer”.

Jörg Scheller (2021): Identität im Zwielicht: Perspektiven für eine offene Gesellschaft. München: Claudius. - Explizit “liberal”, hält beide Seiten für beachtenswert und plädiert für die Mitte.

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