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Musik aus der Türkei: Anadolu Rock
"Anadolu Rock" ist türkische Rockmusik der 1970er- bis 1980er-Jahre, die an Traditionen der "halk müzik" (Volksmusik, Folklore) anknüpft
und diese im neuen ("westlichen") Rockmusik-Gewand präsentiert. Als "Erfinder" gilt Erkin Koray (1941-2023), der eine klassische Klavierausbildung hatte und später
auf der Bühne neben E-Gitarre auch (elektrisch verstärkte) Saz/Baglama spielen konnte. Auf seiner Homepage
bezeichnet er sich als "Architekt des türkischen Rock".
Das Genre "Anadolu Rock" startet 1974 mit der Platte „Elektronik Türküler“ ("türküler" heißt "Volkslieder"),
die den Titel „Bizim Dostlar“ (auf der LP als "Türkü" - "Volkslied" - bezeichnet) enthält, eine Adaption des Aşık-Liedes „Bizim dostlar“ von Ruhi Su, nach einem Gedicht von Nazim Hikmet.
Auf der 1976 erschienenen LP "Koray 2" befindet
sich der Titel "Estarabim", den Koray selbst noch im Jahr 2013 in Ankara spielt..
Eine weitere (vor allem für Deutschland) wichtige Figur des Anadolu Rock ist Cem Karacan (1945-2004), der (weil er Texte von Nazim Hikmet spielte) ins Fadenkreuz der türkischen Justiz geraten ist
und sich nach Deutschland abgesetzt hat, wo er zahlreiche Gastarbeiterlieder als "Kanacken" gespielt hat.) In einem seiner bekanntesten Lieder "Tamirci Çırağı" ("Mechanikerlehrling") singt er von den Klassenunterschieden
in der türkischen Gesellschaft.
2025 erscheint ein ebenfalls mit "Anadolu Rock" bezeichneter Titel "Sarı Zeybek" der Gruppe H. N. Atzis.
Mit diesem Bündel
von Titeln soll im Folgenden das Genre "Anadolu Rock" skizziert werden, das im Reigen der frühen türkischen Popmusik den erfrischenden Gegenpol
zum Genre "Arabesk"
(oft auch "Döner Kebab"-Musik der Deutschtürken genannt) darstellt.
Ein empfehlenswerter Aufsatz über das gesamte Genre Anadolu Rock ist hier zum pdf-Download zu finden.
"Bizim Dostlar" von Erkin Koray
Erkin Koray "covert" ein Lied des bekannten Sängers Ruhi Su (1912-1985) mit dem Titel "Süvarinin Türküsü" (Das Lied des Reiters) nach einem Text (Gedicht "Davet")
des Dichters Nâzım Hikmet (1902-1963). Ruhi Su ist einer der bekanntesten Komponisten und Musiker der Türkei, der - wie es in der Türkei üblich ist - mehrfach im Gefängnis saß und sich teilweise
nach Deutschland abgesetzt hat. In der Bundesrepublik hat er den wohl bekanntesten Gastarbeiter-Song "Almanya acı vatan"
(Deutschland, bitteres Vaterland) komponiert. Er gilt als Prototyp der "özgün müzik" ("originelle Musik" = "Protestsong"),
die in enger Wechselwirkung mit Anadolu Rock stand, sich aber eher auf Liedermacher und Songgruppen beschränkte.
Hier eine Aufnahme Ruhi Su's von "Bizim Dostlar" ("Süvarinin Türküsü") aus den 1970ern, die
wahrscheinlich auch die Vorlage für Erkin Koray gewesen ist:
"Bizim Dostlar" von Ruhi Su.
(Eine weitere Live-Aufnahme aus dem Jahr 1976 ist mit diesem "Original" fast identisch
(Link zu Youtube).
Dörtnala gelip Uzak Asya'dan
Akdenize bir kısrak başı gibi uzanan
Bu memleket bizim, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim
Bilekler kan içinde, dişler kenetli ayaklar çıplak
Ve ipek bir halıya benzeyen toprak
Bu cehennem, bu cennet bizim, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim dostlar, bizim
Haydi evlatlar, sağ ol, var ol
Hay, hay, hay hay!
Kapansın el kapıları bir daha açılmasın
Yok edin insanın insana kulluğunu
Bu davet bizim, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim
Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür
Ve bir orman gibi kardeşçesine
Bu hasret bizim, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim dostlar
Bizim dostlar, bizim...
Im Galopp herangestürmt aus Fernost
Und sich wie der Kopf einer Stute bis zum Mittelmeer erstreckend
Dieses Land gehört uns, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns
Die Handgelenke blutüberströmt, die Zähne zusammengebissen, die Füße barfuß
Und der Boden, der einem Seidenteppich gleicht
Diese Hölle, dieses Paradies gehört uns, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns, Freunde, uns, Freunde, uns
Los, Kinder, lebt, seid da
Hay, hay, hay hay!
Mögen sich die Tore schließen und nie wieder öffnen
Beseitigt die Knechtschaft des Menschen unter dem Menschen
Diese Einladung gehört uns, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns
Leben wie ein Baum, allein und frei
Und wie ein Wald, brüderlich
Diese Sehnsucht gehört uns, uns, Freunde
Uns, Freunde, uns,...
Bemerkung zur Übersetzung: "bizim dostlar" heißt eigentlich "unsere Freunde". "Bizim dostlar" greift das letzte Wort der Zeile "bu memleket bizim",
was so viel heißt wie "dieses Land gehört uns", auf. Daher ist es naheliegend, das mehrfache "bizim dostlar" mit "[gehört] uns Freunde" zu übersetzen bzw. zu denken.
Im weiteren Verlauf des Gedichts wird diese Idee fortgeführt mit: "bu cennet bizim, bu davet bizim, bu hasret bizim" = "dieses Paradies gehört uns,
diese Einladung gehört uns, diese Sehnsucht gehört uns". (Übrigens heißt das Originalgedich von Hikmet "Davet".)
Die Version von "Bizim Dostlar" als Anadolu Rock
Die Koray-Version aus dem Jahr 1974
Eine weitere Version aus dem Jahr 1998 ist hier: Link zu Youtube.
Erkin Korays "Bizim Dostlar" zum Nachspielen:
Vorbemerkung: Der 9/8-Takt ist in 2+2+3+2 Achtel unterteilt. Zurna = türkische Oboe, Kaval = türkische Holzflöte.
Ablauf:
- Kurz-Intro - "Groove" 16 T ohne, 10 T mit Zurna
- Strophe 1 + Refrain (4 T + Zwischenspiel)
- Strophe 2 + Refrain (4 T + Zwischenspiel)
- Groove" 8 x 4 T teils mit Zurna, dazu freier Text "Hay, Hay"
- E-Gitarren-Solo (kurz)
--- Mittelteil in 4/4: Kaval-Melodie (24 T), mit Impro ---
- Strophen 3 und 4 wie Strophen 1 und 2
- Coda: "bizim dostlar" als Bruchstücke.
[Bölüm 3]
Ateş olmayan yerde
Duman tütmezmiş derler
Zaman zaman halini
Bir görseler gülerler
[Bölüm 2]
[Nakarat]
[Bölüm 4]
Böyle bir yar istemem
İstesemde istemem
Güller bitti dilimde
[Nakarat]
[Strophe 1]
Ich habe viele Länder bereist
Was habe ich alles gesehen, was habe ich nicht gesehen
In dieser riesigen Welt
Habe ich niemanden wie dich gesehen
[Strophe 2]
So eine Geliebte will ich nicht
Auch wenn ich wollte, will ich sie nicht
Die Rosen auf meiner Zunge sind verblüht
Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll
[Refrain]
Estarabim, estarabim
Von rechts und von links, estarabim
Aa-uh, aa-uh, aa-uh, aa-uh, aa-uh
[Strophe 3]
Wo kein Feuer ist,
sagt man, da steigt kein Rauch auf
Wenn sie dich ab und zu so sehen,
müssen sie lachen
[Strophe 2]
[Refrain]
[Strophe 4]
So eine Geliebte will ich nicht
Auch wenn ich wollte, will ich sie nicht
Die Rosen sind auf meiner Zunge verblüht
[Refrain]
Koray spielt "Estarabim" 2013 in Ankara (er integriert die TaKeTiNa-Trommelsprache!)
Aus Korays Homepage: “Estarabim" is a vibrant cornerstone of Erkin Koray’s Anatolian Rock legacy, blending infectious guitar riffs with
soul-stirring melodies. Its heartfelt lyrics weave a tale of love and longing, infused with Turkish Folk influences that resonate
universally. Koray’s emotive vocals and dynamic instrumentation create an anthem that captures both personal passion and cultural
pride. A timeless classic, "Estarabim" invites listeners to feel the pulse of a musical revolution.
Erkin Koray 2005 im Gespräch mit Fatih Akin
Aus dem Film "Crossing the Bridge".
Koray: "Als ich angefangen habe, gab es niemand anderen. Ich war allein. Über Jahre hinweg war ich der Einzige.
Ich fühle mich manchmal noch immer allein. Jetzt aber gibt es neue Rockgruppen. Sie machen guten türkischen Rock, haben angefangen gute Sachen zu
machen. Ich habe von Anfang an mit Widerständen zu tun gehabt. Sogar heute kann man nicht behaupten, dass mein Weg frei ist. Ich war schon immer einen
Tick zu extrem für die Verhältnisse in der Türkei." Im Film schildert die Gruppe „Replikas“ anfangs, wie Erkin Koray ihnen die Ohren für türkische Musik geöffnet habe.
Dieser "Sarı Zeybek" wurde 2025 als Anadolu Rock produziert. Der Titel knüpft an den "originalen" Sarı Zeybek an (siehe die extra UE!).
Aus dem "aksak"-Rhythmus (2+2+2+3) wird
hier ein 4/4-Takt. Der Text jedoch knüpft an die "Sarı Zeybek"-Tradition an.