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12 Die transkulturelle Persönlichkeitsbildung durch Musikunterricht

Ein Musikunterricht, der nicht mehr (nur) die interkulturelle Kommunikation fördern, dabei aber die musikalischen Identitäten und Musikbegriffe der Kommunizierenden unangetastet lassen, sondern der auch den Musikbegriff der SchülerInnen verändern will, wird heute oft "transkulturell" bezeichnet. Gemeint ist ein kultureller Zustand, in dem mehrere Kulturen untrennbar miteinander verschmolzen sind und die Menschen sich der diversen Ingredienzien (spricht der "Herkunftskulturen") nicht mehr bewusst sind. Schon in meinem New Age Handbuch (1994) habe ich von "transkulturell" gesprochen, wenn Menschen musikalisch-kulturell an die "Wurzeln" oder archetypischen Tiefenschichten der Musik "aller Menschen" ("der Menschheit") vorstoßen wollen. Bekannt ist Joachim Ernst Berendts Plädoyer für "Nada Brahma" oder TaKeTiNa (siehe oben). Welcher Begriff von "musikalischer Identität" kann gemeint sein, wenn ein echter "transkultureller Unterricht" stattfinden soll? Der Philosoph Wolfgang Welsch und ihm folgend Volker Schütz haben "transkulturell" als die korrekte Beschreibung sowohl des Ist-Zusandes der deutschen Bevölkerung in der globalisierten Welt als auch als ein Ziel kultureller oder musikalischer Bildung bezeichnet. Welsch setzt sich von "multikulturell" ab, bezeichnet diese Vorstellung als veraltet. Die Sinusstudie (siehe "Der Umgang mit dem Migrationshintergrund") zeigt, dass derzeit nur ein Teil von Menschen mit Migrationshintergrund echt transkulturell ist und die Frage, welcher und wievielen Musikkulturen sie angehhören, in einem neuen, hybriden Mix versenkt haben.

Bezogen auf Musik thematisiert die Berücksichtigung oder Zielsetzung der transkulturellen musikalischen Persönlichkeit einerseits den Umgang mit musikalischen Archetypen als kulturell un-spezifischen musikalischen Tätigkeiten. Im erweiterten Schnittstellenansatz wird diese Ebene als "Basiserfahrung" bezeichnet. Und meine "eine welt musik lehre" setzt ebenfalls archetypisch an. Andererseits umfasst die transkulturelle Perspektive alle musikalischen Stile und Formen, die "hybride" und nicht mehr erkennbaren Kulturen zuzuordnen sind. Hier nähert sich der transkulturelle Musikunterricht jenem Modell, das "Weltmusik" thematisiert. (Siehe dort!)

Folgende Fragen sind fast paralell zu denjenigen der multikulturellen Musikerziehung:

  • Stimmt die These von der transkulturllen Persönlichkeit? Beschreibt dies eineTatsache oder ein erstrebenswertes Ziel?
  • Was tun, wenn Menschen eine monokulturelle Identität lieb ist?
  • Welche Basisqualifikationen gibt es, um erfolgreich transkulturell musikalisch tätig zu sein?
  • Wie muß der Musikbegriff der MusiklehrerInnen sein, damit sie erfolgreich transkulturell unterrichten können?

Literatur: Schütz 1998, Barth 2009, de Oliveira Pinto/Adam-Schmidtmeier 2012.